Fliegenfischen in Bergseen

Bericht & Bilder: Noel Schuler

Wenn man als unternehmungslustiger Petrijünger die Wanderkarte der Urner Alpen einmal mit Adleraugen studiert, fällt einem der überraschende Reichtum an Bergseen auf. Mehr als 60 Seen aller Grössen lassen sich zu Fuss oder sogar mit einer Bahn erreichen. Soweit ich es aus eigener Erfahrung und den Gesprächen mit Kollegen beurteilen kann, sind zumindest 25 mit Fischen besetzt und dies bis zur rekordverdächtigen Höhe von 2675 m ü. M. 

 

Vorbereitung & Ausrüstung

Bevor ich zu einer Bergseewanderung aufbreche, studiere ich die Wetterprognose und die Wanderroute. Beim Gepäck und der Ausrüstung beschränke ich mich auf das Nötigste: Kopfbedeckung, Polbrille, Ersatzwäsche, Sonnencreme mit hohem Schutzfaktor, etwas zum Picknicken, ein leichter Regenschutz und vor allem genügend zu Trinken. Zu guter Letzt kommt die Fischerausrüstung, die aber Jahr für Jahr weniger Platz in Anspruch nimmt.

 

Eine Fliegenrute der Klasse #5 in 9 Fuss ist für mich in den meisten Situationen die optimale Wahl. Weite Würfe können bequem gemeistert werden und ein breites Spektrum von kleinen Trockenfliegen bis hin zu mittleren Streamern lässt sich damit souverän anbieten. Bei der Schnurwahl entscheide ich mich meistens für eine schwimmende Schnur mit WF-Taper (Wurfkeule). Ein erfahrungsgemäss entscheidender Faktor für den Erfolg bei der Bergsee-Fliegenfischerei ist das Vorfach. Gerade bei der Fischerei mit der Trockenfliege darf dieses nicht zu kurz sein, um die misstrauischen Gesellen im kristallklaren Wasser nicht mit unserer Fliegenschnur zu irritieren. Mindestens fünf Meter, manchmal aber auch die doppelte Länge (!) sind zu empfehlen. Als Vorfachspitze kommen je nach Fliegenmuster und -grösse Durchmesser von 0,12 bis 0,18 mm zum Einsatz.

 

Nun zu unseren Hauptdarstellern, den Fliegen. Häufig ist die Fischerei mit der Trockenfliege die effektivste und interessanteste. In der Regel funktionieren kleine, in Naturfarben gebundene Muster, welche die im Gebirge wichtige Anflugnahrung imitieren am besten. Zu den Landinsekten, die regelmässig auf dem Menü der Bergseebewohner stehen, gehören Ameisen, Heuschrecken und Käfer. In meiner Fliegendose findet man aber auch grössere Muster wie Rehhaar-Sedges, Irresistibles oder Chernobyl-Ants. Nymphen und Streamer in verschiedenen Grössen und Farben möchte ich ebenfalls nicht missen, dazu gehören die Standardmuster wie die Hares Ear, Pheasant Tail und Wooly Buggers. Dunkle, gedeckte Farben mit einer zurückhaltenden Portion Glanz und Schimmer sind in den meisten Situationen die passende Wahl.

 

Mein Erfolgsrezept

Nun zur Praxis. Ein häufiger Fehler, mit dem sich vor allem weniger geübte Bergseefischer viele Chancen zunichte machen, ist Ungeduld. Kaum am See angekommen, sofort los zu fischen und am Ufer entlangzulaufen ist definitiv keine Erfolgstaktik. Insbesondere in kleineren und flachen Gewässern reagieren die Fische darauf empfindlich bis hin zur panischen Flucht in die Seemitte. Doch auch an grösseren Seen nimmt die Oberflächenaktivität in Ufernähe meist schlagartig ab. Damit verschenkt man sich besonders als Fliegenfischer aussichtsreiche Möglichkeiten. Nehmen Sie sich also unbedingt Zeit. Richten Sie sich an einem möglichst sichtgeschützten Punkt am Ufer ein und machen Sie in Ruhe Ihr Material bereit. Dann wechseln sie unauffällig zu einem etwas höher gelegenen Übersichtspunkt. Beobachten Sie das Gewässer für eine Weile. Oft werden Sie erkennen, dass die Fische auf ihrer Suche nach Nahrung Runden ziehen. Eventuell kann man sogar erkennen, welche Art von Nahrung die Fische aufnehmen. Allein dieses Erlebnis ist den Besuch wert.

Versuchen Sie bei aller (verständlicher) Aufregung die Ruhe zu bewahren. Suchen Sie ohne hektische Bewegungen einen guten Platz zum Werfen und waten sie nicht! Die Druckwellen verbreiten sich rasend schnell und warnen die scheuen Fische.

 

Falls bisher alles Plan lief und die Fische weiterhin arglos an der Oberfläche entlangziehen und steigen, wird es Zeit für den ersten Versuch. Ist er Rückraum frei? Mit einem möglichst sanften Wurf präsentieren wir unsere Fliege zwei, drei Meter vor dem Fisch. Wenn er bis zu diesem Moment nicht

durch unsere Unachtsamkeit gewarnt wurde, nimmt, er unsere Fliege oft ohne zu zögern und ein spektakulärer Bergseedrill kann beginnen! So einfach, wenn mans richtig angeht.

 

Heikle und grosse Fische

Nehmen die Fische unsere gut präsentierte Fliege auch nach mehreren Versuchen nicht, gibt es nun mehrere Möglichkeiten, wie man reagieren kann. Bevor die Fliege gewechselt wird, kann dieser mit feinen Zupfern Leben eingehaucht werden. Falls auch das nicht zum gewünschten Erfolg führt, besteht die Möglichkeit, die Fliege zu wechseln oder mit dem Vorfachdurchmesser runter zu gehen. In gewissen Fällen ist eine übergrosse Fliege die Lösung.Ich durfte schon einige Male erleben, wie 

die Fische beim Anblick dieser fetten Proteinbombe jede Scheu ablegten und gierig zupackten.

Grundsätzlich kommt man aber nicht um das Probieren herum, falls der Optimalfall nicht eintrifft. An Bergseen gibt es keine festen Regeln, jeder Tag ist anders und eine neue Herausforderung. Das gehört für mich neben der spektakulären Kulisse zum einzigartigen Reiz dieser Fischerei.

Falls die Fische partout nicht steigen wollen, ist die Sichtfischerei mit der Nymphe oft die fängigste Alternative. Auch hier geht probieren über studieren. Führungstiefe und -tempo und natürlich Grösse und Färbung des Musters können entscheidend sein. Im Dämmerlicht der frühen Morgen- und späten Abendstunden und hellen Mondnächten hat man eindeutig die besten Chancen auf einen kapitalen Bergseeräuber. Im Schutz der Dunkelheit fühlen sie sich sicher und kommen in Ufernähe, um gut getarnt kleine Artgenossen oder Elritzen zu jagen. Streamer in dunklen Farben können für gewaltige Überraschungen sorgen. Fischen Sie mit schnellen Zügen und erschrecken Sie nicht, falls plötzlich ein brutaler Schlag Ihre Schnurhand durchfährt!